„Eine Glorifizierung ist nicht mehr Zeitgemäß“

 

Roman Rausch – gebürtiger Gerolzhöfer und aufgewachsen in Reupelsdorf – ist längst ein erfolgreicher Schriftsteller. Ob er seinen Kommissar Kilian ermitteln lässt oder historische Themen anpackt wie in „Die Kinderhexe“ oder „Die letzte Jüdin von Würzburg“ – seine Bücher haben längst eine treue Leserschaft gefunden. Als Silvia Kirchhof, die Regisseurin des Kleinen Stadttheaters Gerolzhofen, im vergangenen Jahr an ihn herantrat mit der Idee, ein Stück der Gerolzhöfer Stadtgeschichte für die Bühne zu inszenieren, hatte es ihm der sogenannte Frauenaufstand vom 6. April 1945 irgendwie gleich angetan: „Eine Frau bietet den Nazis die Stirn, das hat Hollywood-Format.“

Noch dazu, da diese Frau, die Lehrerin Josefine Schmitt, selbst braune Flecken auf ihrer weißen Weste hatte. In einem Vortrag für die NS-Frauenschaft redete sie einst der Rassenlehre der Nationalsozialisten das Wort, um dann in den letzten Kriegstagen dafür zu kämpfen, Gerolzhofen nicht sinnlos zu verteidigen, sondern die Stadt den Amerikanern kampflos zu übergeben. Wahrer Gesinnungswandel? Oder doch nur Opportunismus?

 

Rausch begann sich mit dem Thema näher zu befassen und merkte schnell: „Irgendwas stimmt an der Geschichte von der Josefine Schmitt nicht, so wie wir sie bisher kannten.“ Der Würzburger Geschichtsprofessor Rainer Leng durchforstete in seinem Auftrag die Archive, in Gerolzhofen wurden unterdessen Zeitzeugen befragt. Und heraus kam letztlich das Skript für das Theaterstück „Frl. Schmitt und der Aufstand der Frauen“, das in wenigen Wochen, am 3. September, seine Uraufführung erlebt.

Langsam gehen die Proben in die heiße Phase. Regisseurin Silvia Kirchhof hat die Schlagzahl für ihre mehr als 70 Ensemblemitglieder erhöht. Der Text sitzt bei diesen weitestgehend. Jetzt geht es um den Feinschliff. Gerade tanzen die GIs in der Nachkriegszeit mit ihren „Frolleins“ über die Bühne. Da mag der Blick auf die eigenen Füße manchem Akteur wichtiger sein als der in die Augen des Tanzpartners. Kirchhof moniert es sofort: „Die Emotion ist wichtiger als der Schritt“, schärft sie ihren Schauspielern ein: „Und bitte auch noch beim Abgang mit dem Gegenüber flirten und nicht denken: Gott sei Dank ist der Tanz vorbei.“

An diesem Abend lässt sich auch erstmals der Autor selbst in der Stadthalle blicken. Eigentlich wollte er sich ja schon vor Monaten einmal bei den Proben vor Ort informieren, aber da machte ihm der Bahnstreik einen Strich durch die Rechnung. Nichts rollte zwischen seiner Wahlheimat Berlin und dem Frankenland. Aber nun ist er aus familiären Gründen ohnehin für einige Wochen hier, und da lässt er es sich nicht nehmen, auch persönlich hin und wieder bei den Proben vorbeizuschauen. Zwar haben er und Kirchhof den Telefonkontakt nie abreißen lassen, und er hat auch Probenmitschnitte als Videodateien zu sehen bekommen. Aber selbst mit dabei zu sein ist anders, emotionaler.

„Ich habe nur beratende Funktion“, stellt Rausch klar: „Sonst läuft es. Silvia hat ja alles im Griff.“ Und sie ist detailverliebt. Heiko Schnierer, der einzige Profi im Team, der den amerikanischen Militärrichter Killroy spielt, braucht eine Armbanduhr. Aber natürlich eine für die 40er Jahre authentische. „Wir brauchen nicht unbedingt eine alte. Die Leute sitzen zehn Meter weit weg. Hauptsache, sie hat ein Lederarmband. Wenn die einst mit einem Bügeleisen Raumschiff Orion drehen konnten, können wir auch mit einer Armbanduhr von 2015 Theater spielen“, argumentiert er. Kirchhof lächelt es weg: „Du kennst mich. Es wird sich was finden.“

Roman Rausch scheint recht angetan zu sein von dem, was ihm auf der Bühne geboten wird. „Da waren einige ganz tolle Szenen dabei. Die haben mich einfach weggeblasen“, nickt er anerkennend. Aber er hat auch noch Potenzial entdeckt. In der Einstiegsszene etwa, wenn die drei Frauen Eva, Renate und Sieglinde zum Großreinemachen in der einstigen NS-Parteizentrale antreten. Da fliegen nicht nur Putztuch und Staubwedel, sondern auch einige Giftpfeile zwischen den Damen. Doch noch nicht scharf genug, wie Rausch findet: „Ihr drei seid so richtige Schnäppern“, erklärt er: „Das ist ein verbaler Schlagabtausch, das muss kommen wie aus dem Maschinengewehr. Da habt ihr nicht mal Zeit zum Luftholen.“ Kirchhof lässt die Szene einige Male proben. Und von Mal zu Mal wird es besser, giftiger. Die Luft brennt. Rausch sieht es zufrieden: „Das ist die Einstiegsszene. Da lernt der Zuschauer die Personen kennen. Und er fragt sich: Will ich denen weiter folgen? Wenn nicht, haben wir verloren und er sitzt nur seine Zeit ab.“ Nun hat ja wie Jeder, der ein Buch liest, gewisse Bilder im Kopf – und ein Autor auch beim Schreiben. Vor allem, was die handelnden Personen angeht.

Wie viel haben die Protagonisten auf der Bühne mit den Bildern vor dem geistigen Auge eines Roman Rausch gemeinsam? Der Autor schnauft einmal tief durch. „Eine fiese Frage, das weißt Du, oder?“ Pause. Nachdenken. Und dann sagt er, und es klingt nicht nach Lobhudelei: „Überraschend viel. Silvia ist durchdrungen vom Text, von den Zeitzeugeninterviews und den Erkenntnissen von Leng. Sie hat sich die Typen gut rausgesucht. Killroy zum Beispiel – spitze! Oder auch Ortsgruppenleiter Zrenner. Das alles ergibt doch eine ziemlich deckende Vision.“

Und es sind auch Szenen dabei, die er emotionial sehr berührend findet. Etwa, wenn eine Mutter ihren Sohn tränenreich daran zu hindern versucht, mit dem Volkssturm auszurücken und sich quasi mit bloßen Händen den amerikanischen Panzern entgegenzustellen. „Da werden vor allem bei den Zeitzeugen tiefe Gefühle ausgelöst“, ist sich Rausch sicher. Und trotzdem bleibt bei ihm die große Unbekannte: „Wie werden die Gerolzhöfer das Stück aufnehmen?“ Denn der Mythos Fräulein Schmitt wird doch ziemlich auf Normalmaß zurückgestutzt. „Eine Glorifizierung ist nicht mehr zeitgemäß“, findet Rausch und fährt, etwas nachdenklicher, fort: „Der Umgang mit ihrer Geschichte zeichnet eine Stadt aus.

Und das ist meine Vorstellung von Vergangenheitsaufbereitung, wenn nicht sogar von Vergangenheitsbewältigung.“

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© Silvia Kirchhof