Der Tod wird zum Komiker

Brandner Kaspar: Dank einer idealen Rollenbesetzung begeistert das Kleine Stadttheater Gerolzhofen sein Publikum

 

Man muss fast zwangsläufig Mitleid haben mit dem Boandlkramer. Denn der Tag, an dem er den Brandner Kaspar in die Ewigkeit holen soll, ist sicher nicht der beste seiner langen, beruflichen Karriere. Das beginnt schon damit, dass der Schuss des Jägers, von seiner knöchernen Hand gelenkt, den Brandner nicht ins Jenseits befördert, sondern nur streift. Und das nur, weil der chronisch verfrorene Sensenmann „vor Kälte nur so geschlo-lo-lo-lottert“ hat. Also Plan B: Der Gevatter sucht den Todgeweihten auf, um ihn davon zu überzeugen, ihn freiwillig in die Ewigkeit zu begleiten. Was natürlich von Natur aus wenig Aussicht auf Erfolg hat. Vor allem, wenn man es mit einem mit allen Wassern gewaschenen Steigerwälder wie dem Brandner zu tun hat.

Die folgende Unterhaltung gerät somit fast zwangsläufig zu einer Groteske, die ihresgleichen sucht. Der Brandner jedenfalls denkt gar nicht daran, die Welt jetzt schon zu verlassen. Er ist ja schließlich erst 72, fühlt sich putzmunter und gedenkt, wie seine Vorfahren neun Lebensjahrzehnte voll zu machen. Auch, um seiner Enkelin Marei (Josepha Schemm) einmal geordnete Verhältnisse hinterlassen zu können, denn der Pleitegeier kreist längst über seiner bescheidenen Hütte. Da kann der Tod noch so geschwollen daher reden, dass das Ableben zu genau diesem Zeitpunkt seinem Gegenüber aber „von der höchsten Instanz aufgesetzet“ sei. Und so weltgewandt der Boandlkramer auch sein mag und neben deutsch auch in französisch, italienisch, englisch und spanisch parliert – einem fränkischen Dickschädel ist er schlicht und ergreifend nicht gewachsen.

 

Schon da wird deutlich: Für die Inszenierung von Franz von Kobells „G'schicht vom Brandner Kaspar“ hat die Regisseurin des Kleinen Stadttheaters Gerolzhofen, Silvia Kirchhof, wieder genau die richtigen Akteure auf die Bühne gestellt. Dass sie zum ersten Mal bei einer ihrer Produktionen auf einen Profischauspieler verzichtet, ist nachvollziehbar. Ihr Ensemble gibt mittlerweile einfach selbst die richtigen Typen für jede Rolle her. Philip Errington-Zietlow zum Beispiel, ein Vollblut-Komödiant vor dem Herrn. Bei ihm, der in Sachen Mimik, Gestik und Sprache zeitweise wirkt wie Otto Waalkes in seinen besten Tagen, wird der Tod zum Komiker. Obwohl natürlich aufgrund seiner Profession zwangsläufig von der Menschheit gefürchtet, fällt es schwer, diesen etwas tollpatschigen Typen nicht zu mögen. Und wenn er beklagt, dass er weder auf Erden noch im Himmel wohl gelitten ist – „Ich bin doch der Ärmste von Allen!“ – leidet das Publikum in der Spitalkirche sichtlich mit ihm.

Sein kongenialer Bühnenpartner ist Stadtpfarrer Stefan Mai. Den „Brandner Kaspar“ nennt er sein „Urerlebnis Theater“, seit er das Stück 1975 kurz vor dem Abitur im Münchner Residenztheater gesehen hat. Wenn noch einmal Theater in Gerolzhofen, dann in dieser Rolle, ließ er Ensemblechefin Kirchhof wissen. Er bekam sie. Und sie ist ihm wie auf den Leib geschneidert. Pfiffig und bauernschlau füllt er den Knochenmann zunächst mit Kirschgeist ab, bis dieser durch die Szenerie taumelt und derart Schluckauf bekommt, dass ihm „das Gerippe klappert“. Als sich der Boandlkramer schließlich auf ein Kartenspiel um 18 weitere Lebensjahre einlässt, überlässt der Brandner nichts dem Zufall. Den entscheidenden Grün-Ober lässt er in der Schublade verschwinden, um ihn im entscheidenden Moment auszuspielen. Der Tod betrachtet betröppelt die Karte, und der Brandner lacht sich schlapp ob seiner gelungenen Mogelei. Da ahnt er freilich noch nicht, was er angerichtet hat.

Der Boandlkramer muss unverrichteter Dinge wieder abziehen, doch das Unheil braut sich bereits über Kaspar zusammen. Denn mit seinem Betrug hat er die Gesetze der Ewigkeit ausgehebelt. An Brandners 75. Geburtstag entlädt sich das Unheil mit voller Wucht. Denn just an diesem Tag hat der fürstliche Jäger Simmerl vor, dem jungen Wilderer Florian das Handwerk zu legen. Nicht nur, dass ihm der etwas naive, herzensgute junge Mann (Mario Döpfner) zusammen mit dem Brandner den Wald leer schießt. Nein, der Flori kommt ihm auch noch bei der Marei in die Quere. Es ist eine Freude zu sehen, wie Bürgermeister Thorsten Wozniak den arroganten, verschlagenen Simmerl gibt. Wäre er so im realen Leben, die Chancen auf eine Wiederwahl würden schlagartig Richtung Nullpunkt sinken.

Kurzum: Florian tappt in die Falle. Doch Marei und der Brandner erfahren von Simmerls perfidem Plan. Weil Mareis Tante Theres immer ihren Finger am Puls der Zeit hat. Oder, anders ausgedrückt, eine richtige Dorfratsch'n ist. Eine kleine Rolle zwar für Gerda Mengler, die diese aber beeindruckend auszufüllen weiß. Es kommt wie es kommen muss. Marei versucht ihren Liebsten zu warnen, gerät ins Gewitter und wird von einer Buche erschlagen.

Als sie mit staunenden Augen im bayerischen Himmel ankommt, lernen die Zuschauer das nächste Traumpaar der Inszenierung kennen. Den fränkisch-gemütlichen Petrus (Karl-Heinz Stöcklein), der Fünfe gerne mal gerade sein lässt, und seinen Privatsekretär, Erzengel Michael (Achim Roth). Der ist ein penibler Preusse, ordnungsliebend, paragrafentreu, mit Kaiser-Wilhelm-Schnurrbart und Berliner Schnauze. Doch auch Petrus verliert die Contenance, als er herausbekommt, dass der Brandner, anders als im himmlischen Masterplan vorgesehen, noch auf der Erde weilt. „Dunnerkeil“, entfährt es ihm: „So was hat es noch nie gegeben, seit wir vor 2000 Jahren aus dem Orient hierher umgezogen sind.“

Der Boandlkramer wird zum Rapport einbestellt. Stück für Stück bröselt er mit der Wahrheit heraus. Petrus schickt ihn wieder auf die Erde, um sein Fehlverhalten auszubügeln. Doch der hat Manschetten, sein einmal gegebenes Wort zu brechen: „Alles will ich, nur kein schlechter Kerl sein.“ Als ihm der Himmelspförtner aber mit dem jüngsten Gericht droht, macht er sich doch auf, und stellt es diesmal schlauer an. Dem Brandner, durch den Tod seiner Enkelin sichtlich angezählt, verspricht er, ihn für eine Stunde ins Paradies blicken zu lassen. Der willigt ein. Durch das Fernrohr sieht er seine längst verstorbene Frau Traudel wieder, seine Marei begrüßt ihn, und plötzlich findet er das Paradies zum Sterben schön.

Doch Moralapostel Michael bemerkt bei einem Blick in Brandners Sündenregister, dass dieser einiges auf dem Kerbholz hatte. Sein Urteil: „Mindestens Fegefeuer, und das nur mit mildernden Umständen.“ Der Boandlkramer wird zu Brandners flammendem Verteidiger, bis Petrus den verfahrenen Fall der Heiligen Dreifaltigkeit nebst der Gottesmutter Maria vorträgt. Er erzählt ihnen, wie der Brandner den Tod besoffen gemacht und ihn beim Kartenspiel betrogen hat. So was hat der Himmel noch nicht gesehen. „Die lachen noch immer. Vor allem Maria“, sagt Petrus, als er zurückkommt und mitteilt, dem Brandner seien alle Sünden erlassen. Er darf sofort ins Paradies. Auch der Boandlkramer ist aus dem Schneider. Und den Kirschgeist aus Brandners Hütte hat er vorsichtshalber schon einmal mitgehen lassen. Manchmal geht eben auch der Sensenmann gerne auf Nummer todsicher.

 

Vorhang. Applaus. Die Premiere ist geglückt. Bis zum kommenden Samstag muss sich der arme Boandlkramer noch neunmal vom Brandner austricksen lassen. Wer mit ihm leiden will: Es gibt noch einige Restkarten, vor allem für die Samstagnachmittage.

 

Matthias Endriss

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