2013 in der Erlöser Kirche

Begleitheft  "Nathan der Weise"

Eine Interpretation des Klassiker von Gotthold Ephraim Lessing in der Erlöserkirche von Gerolzhofen. Das Thema des Stückes hat seine Aktualität nach wie vor: Toleranz und Gleichberechtigung der Weltreligionen.

Wie Nathan die Welt erklärt

 

Lessings „Nathan der Weise“ hat bis heute nichts an Aktualität verloren. Das beweist auch die Inszenierung des Kleinen Stadttheaters Gerolzhofen.

 

Bringt Licht ins Dunkel: Nathan erklärt seiner Ziehtochter Recha und dem Sultan die verworrenen Verhältnisse. Foto: Matthias Endriss

 

Das Bühnenbild ist spartanisch. Rechts vom Zuschauer hängt ein überdimensionierter Tallit, der jüdische Gebetsschal, an der Wand. Darunter liegen ein paar Bündel. Handelsware des Juden Nathan, der hier sein Haus hat. Links vom Zuschauer ein goldenes Tuch, darauf angedeutet Halbmond und Stern – die Symbole des Islam. Zwei futuristisch anmutende Sessel, ein schlichter, weißer Quader als Tisch. Fertig ist der Palast des Sultan Saladin. Dazwischen das Kreuz der evangelischen Erlöserkirche, wo die Aufführung stattfindet. Aus. Mehr braucht es nicht. Und doch gibt es klar den Rahmen vor und ordnet die drei monotheistischen Weltreligionen von rechts nach links ihrem Alter zu.

Lessings Stück braucht kein großes Brimborium. Es lebt vom Wort und seinen Charakteren. Die Zuschauer müssen den Schauspielern quasi die vollen drei Stunden lang an den Lippen hängen, um bei den philosophischen, mitunter sperrigen Worten, die Lessing seinen Figuren in den Mund geschrieben hat, nicht den Faden zu verlieren. Mal eben eine kurze Auszeit zu nehmen verzeiht Lessings „Nathan“ den Zuhörern nicht.

Für die Inszenierung eines solchen Stoffes braucht es Akteure, die das Publikum mit ihrer Aura, mit Mimik und Gestik in den Bann ziehen können, damit die Botschaft ihrer Worte nicht im Nirvana zerschellt. Silvia Kirchhof, die künstlerische Leiterin des Kleinen Stadttheaters Gerolzhofen, hat sie gefunden. Einen wie Philip Errington-Zietlow etwa. Der Gerolzhöfer würzt seinen Part des Derwisch Al-Hafi, der zum Schatzmeister des Sultans aufgestiegen ist, mit einer gehörigen Portion Hofnarr und sorgt so für die komödiantische Note im Stück.

 

Nomen est omen

Allen voran aber Jürgen Bauer. Der Münchner Profischauspieler mit mehr als vier Jahrzehnten Bühnenerfahrung gibt den Nathan. Eine Mammutrolle, die selbst einem alten Hasen wie ihm Respekt abfordert. Nathan trägt seinen Beinamen „der Weise“ nicht umsonst. Er beobachtet, analysiert, reflektiert, kommentiert. Und er gibt sich stets kontrolliert, selbst wenn er Grund zu höchster Emotionalität hätte. Einmal nur, wenn er davon erzählt, wie er durch die Hand der Kreuzritter seine Frau und seine sieben Söhne verlor, darf auch er kurz die Beherrschung verlieren. Da habe er der Christenheit den unversöhnlichsten Hass geschworen, schreit er in der Saal. Doch für kurze Zeit nur. Rasch erkennt er in seinem Schicksal den Ratschluss Gottes, wird wieder das ausgleichende Element in einem Jerusalem zu einer Zeit, in der sich Muslime, Christen und Juden beladen mit gegenseitigen Vorurteilen gegenüberstehen.

Sultan Saladin etwa – verkörpert von Wilhelm Beck, dem zweiten Profi im Ensemble – ist der Gegenentwurf zum Nathan. Das Wirtschaften liegt ihm ebenso wenig wie das kühle Denken. Das überlässt er lieber seiner Schwester Sittah (Hiltrud Weinig), die scharfsinnig und berechnend die Strippen am Hofe zieht. Saladin ist eher der Typ für Bauchentscheidungen. Hitzköpfig. Emotional.

So auch, als er Kurt von Staufen das Leben schenkt, weil der ihn an seinen verstorbenen Bruder Assad erinnert. Dieser junge Tempelherr (Jean-Pierre Barraud) wiederum ist einer, für den scheinbar nur Extreme existieren. Steht er den Juden zunächst mit Verachtung gegenüber, ändert sich dies nach einem Gespräch mit Nathan ebenso rasch wie grundlegend. „Sind Christ und Jude eher Christ und Jude als Mensch?“, redet der ihm ins Gewissen. Vor allem Nathans Ziehtochter Recha gegenüber, die er vor dem Flammentod bewahrt hat und die ihren Retter seither verklärend umschwärmt, wandelt sich Kurts Auftreten: Aus Ablehnung wird tiefste Zuneigung. Claudia Schwab gibt die Recha als kindlich-naives Mädchen, dem die Religion reichlich egal ist, solange nur seine scheinbar heile Welt nicht in Gefahr gerät. Doch genau das geschieht. Weil Nathan, der messerscharfe Geist, Zweifel hegt an der Herkunft des Tempelherrn und ihm Rechas Hand zunächst verwehrt. Dieser fühlt sich vor den Kopf gestoßen.

 

Drei Weltreligionen in einer Familie

Öl ins Feuer gießt unbewusst Rechas Kindermädchen Daja – eine überzeugte Christin. Nichts täte sie lieber, als ihren Zögling und den Tempelherrn zu verkuppeln. Weiß sie doch, dass Recha nicht Nathans leibliche Tochter, sondern das Kind christlicher Eltern ist. Vorlaut und zielstrebig kocht sie – hinreißend gespielt von Katarzyna Wrona – ihr eigenes Süppchen und plaudert ihr Wissen dem Tempelherren aus. Der sucht in der Verwirrung seiner Gefühle Rat beim Patriarchen von Jerusalem (Diakon Albert Hein). Nicht ahnend, dass er damit Nathan in größte Gefahr bringt. Denn der Patriarch ist ein religiöser Eiferer – so selbstverliebt wie fundamentalistisch. Und der würde den in seinen Augen frevlerischen Juden am liebsten auf dem Scheiterhaufen sehen.

Doch löst sich letztlich alles in Wohlgefallen auf. Klosterbruder Bonafides (Robert Rüth) – ein gutmütiger Mönch, der nichts mehr scheut, als sich in ihm fremde Händel einmischen zu müssen – liefert Nathan das letzte fehlende Glied in dessen Kausalkette. Dieser kann nun nachvollziehen, was er schon geahnt hat: Der Tempelherr und Recha sind Geschwister, und die leiblichen Kinder von Assad, dem Bruder des Sultans. Alle drei Religionen sind plötzlich in einer Familie vereint. Bestätigt sind somit die weisen Worte Nathans. Dieser hatte dem Sultan mit der Parabel vom goldenen Ring zuvor erklärt, dass es die einzig wahre Religion nicht gibt, nicht geben kann – und gegenseitige Toleranz unabdingbar ist.

Doch die ist selbst in unseren Tagen noch längst nicht mehr als ein frommer Wunsch. Und Lessings Stück deshalb auch heute noch aktuell wie eh und je.

26. April 2013 Artikel der Mainpost                   von Matthias Endriss

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