2011

 

 

Lyrisch-poetischer Theaterabend

Eine schräge und skurrile Welt

 

Es sollte ja nur etwas Kleines werden, kein „Welttheater“ wie letztes Jahr. Und was wurde daraus: wieder großes Theater. Klein waren nur der Rahmen und die Bühne. Silvia Kirchhof hat es in monatelanger Probenarbeit wieder geschafft, ihr „Welttheater-Team“ zu darstellerischen Höchstleistungen zu bringen. Joachim Ringelnatz, Christian Morgenstern und Kurt Tucholsky, Autoren der Lyrik des beginnenden 20. Jahrhunderts und Meister der Sprachspielerei, lieferten den Stoff dazu.

 

Die Schauspielerinnen und Schauspieler trugen die Gedichte nicht nur sicher und sprachgewandt vor, sie lebten und spielten sie. Sie führten das Publikum in die teils sehr schräge und skurrile, zugleich aber auch tragische und sozialkritische Welt der damaligen Epoche ein. Ihr Ziel war es, so Kirchhof, einen bunten, abwechslungsreichen und unterhaltsamen Abend zu präsentieren. „Die Leute sollen sich amüsieren und Spaß haben.“

 

„Ich bin etwas schief ins Leben gebaut“, ein Zitat von Ringelnatz, wählte Silvia Kirchhof als Motto des Abends. Auf die Frage, warum gerade dieses Zitat, sagt sie: „Das passt zu unserer Gruppe, und außerdem – sind wir nicht alle ein bisschen schief und schräg?“ Schräg begann der Abend mit dem Abzählreim von Ringelnatz „Bülow, Nolle, Witte, Zoo, auf dem Dache sitzt ein Floh“ zu Tangoklängen, gespielt von Anton Kryukov, dem jetzt in Berlin lebenden Kursker. Er begleitete das gesamte Programm auf dem Knopfakkordeon.

Über 200 Gedichte hat Regisseurin Silvia Kirchhof im Vorfeld gelesen. Ausgewählt hat sie letztlich 75. Nun galt es, die Gedichte an die richtige Frau oder den richtigen Mann zu bringen, eine nicht ganz leichte Aufgabe. Kirchhof teilte den Abend in drei Abschnitte ein. Gedichte mit abstrakten Themen, Tiergeschichten und gesellschafts- und beziehungskritische Gedichte.

 

Ein Meister des skurrilen Witzes war Joachim Ringelnatz. „Die Badewanne“, „Die Schnupftabaksdose“ (Mario Döpfner) oder „Ein Pflasterstein, der war einmal“ zeugen davon. Ebenso wie die haarsträubenden Erzählungen von Kuttel Daddeldu, dem Seemann. Mit der nach seiner Art umgewandelten Geschichte von „Rotkäppchen“ erntete Dagmar Schmidt im kühlen Norddeutsch viel Lacher und Applaus. Typische Wortspielereien von Ringelnatz kommen bei dem Gedicht „Mein Bruder“, überzeugend vorgetragen von Hiltrud Weinig zum Ausdruck. „Ich bin zwar ein saudummes Luder, meine Beine sind schief. Im übrigen ist mein Bruder, gar nicht verwandt, sondern Stief“. Den etwas ernsten Ringelnatz trug Dagmar Waskiewicz mit „Und auf einmal steht es neben dir“ vor. Ganz schön tiefsinnig das Gedicht von der Eintagsfliege (Monika Freiberger).

 

Christian Morgenstern, der Anthroposoph, wurde bekannt durch seinen Sprachwitz und seine komische Lyrik. „Ich bin nun tausend Jahre alt und werde täglich älter; der Gotenkönig Theobald erzog mich im Behälter“, sprach Marianne Schilling als „Schildkröte“ – überzeugender hätte man es nicht darstellen können. Und Raimund Gilbert brillierte mit dem „Gespräch einer Hausschnecke mit sich selbst“.

 

Gesellschaftskritisch und sehr stark milieubezogen sind die Gedichte von Kurt Tucholsky. „Ich gehe um die Ecken, die Männer diese kecken, die sind mir alle gänzlich einerlei. Ich zähle fünfzehn Lenze und bin dicht an der Grenze, wo man noch sagt: Da ist doch nichts dabei“, wusste das „Tauentzienmädel“ Erna Kleinhenz zu erzählen. Und wiederum aus dem Milieu, aus dem Alltag einer Hure „Das Lied von der Gleichgültigkeit“, ungeschminkt und doch nachdenklich dargebracht von Katharina Wrona. Dazu noch passend einer der drei gesanglichen Beiträge von Silvia Kirchhof, „Der deutsche Mann“. Nicht gerade schmeichelnd, was Tucholsky gedichtet hatte und Silvia Kirchhof auf den Punkt brachte. „Er hat ein Geschäft und er hat eine Pflicht, er hat einen Sitz im Oberamtsgericht. Er hat auch eine Frau, das weiß er aber nicht.“ Und noch einmal milieubezogen Doris Geißler mit dem „Chanson für eine Frankfurterin“.

 

Das Publikum war ganz schön gefordert, folgte doch Schlag auf Schlag ein Gedicht dem anderen, in den verschiedensten poetischen Textsorten. Anton Kryukov auf seinem Knopfakkordeon ist es hervorragend gelungen, jeweils die passenden Übergänge zu den einzelnen Vorträgen zu finden. Mit viel Liebe zum Detail kleideten sich die Akteure. Schwarz, weiß, rot die Farben, für jeden Auftritt ein anderes Outfit.

 

Zum Abschluss jedes Abends – die Veranstaltung fand dreimal vor ausverkauftem Haus statt – präsentierte Silvia Kirchhof einen Überraschungsgast. Geomed-Chefarzt Manfred Klein trug Christian Morgensterns „Vice Versa“ vor, Gastronomin Biggi Bauer sang von Kurt Tucholsky „Singt eene uffn Hof“ und Redakteur Norbert Finster brachte mit „Der Werwolf“ noch einmal Morgenstern.

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© Silvia Kirchhof